09.12.2025 | Am Montag, dem 8.12.2025 versammelten sich zunächst 200 entschlossene Metallerinnen und Metaller einer planmäßigen Delegiertenversammlung bei Bertrams. Im Anschluss an die kurz gehaltene Versammlung ging es los, um gemeinsam Flagge zu zeigen. Mit einem Autokorso ging es von KME über den Wall vor das Werkstor von VW Osnabrück wo seit Monaten mit großer Erwartung auf konkrete Zukunftsperspektiven gewartet wird. Vor Ort warteten viele Vertrauensleute um zu zeigen - Wir lassen uns nicht abhängen! „Der Herbst der Ankündigungen darf nicht zum Winter der Entlassungen werden!“ so Stephan Soldanski.
Auch Stephan Soldanski, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Osnabrück, übte scharfe Kritik an der zögerlichen Haltung des Konzerns: „Während andere Hersteller längst konsequent auf hybride Plattformen, Softwarekompetenz und Batterietechnologien gesetzt haben, hat Volkswagen zu lange gezögert. Jetzt den Rotstift anzusetzen, ist das genaue Gegenteil einer zukunftsorientierten Strategie. Mutlosigkeit ersetzt keinen Plan. Wer heute Werke ohne klare Perspektive zurücklässt, wird morgen keine Kapazitäten mehr haben, wenn die Nachfrage wieder anzieht.“
Immer wieder werde das Volkswagen-Werk im Fledder mit Rüstungsunternehmen oder chinesischen OEMs in Verbindung gebracht. Soldanski macht deutlich, dass diese anhaltenden Spekulationen die Belegschaft zunehmend zermürbt: „Tag für Tag wird eine neue Kuh durchs Dorf getrieben. Unsere Kolleginnen und Kollegen werden mit Gerüchten konfrontiert, müssen sich für Entwicklungen rechtfertigen, zu denen das Unternehmen selbst keinen einzigen Ton verlauten lässt. Ich bezweifle ernsthaft, dass der Vorstandsetage bewusst ist, was es bedeutet, beim Abendbrot zu sitzen und nicht zu wissen, wie man die Miete ab 2027 bezahlen soll. Ungewissheit über den eigenen Arbeitsplatz ist Gift – für die Gesundheit genauso wie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“
Auch Osnabrücks Oberbürgermeisterin Katharina Pötter berichtete von zahlreichen Gesprächen ähnlicher Tonlage: „Die anhaltende Ungewissheit belastet die Menschen zutiefst. Ich fordere den VW-Vorstand eindringlich auf, zu seinen Zusagen zu stehen und Verantwortung für den Standort ebenso wie für die Beschäftigten zu übernehmen. Wir als Stadt stehen fest an der Seite der Belegschaft – und wir werden nicht zulassen, dass hier die Lichter ausgehen!“
Von der Bundespolitik verlangt die IG Metall ein eindeutiges industriepolitisches Bekenntnis. Für die energieintensive Industrie sei ein verlässlicher, tatsächlich wirksamer Industriestrompreis unabdingbar. „Das Konzept aus Berlin reicht vorne und hinten nicht aus!“, kritisiert André Lücke, Betriebsratsvorsitzender der KME Germany GmbH. Eine Entlastung, die lediglich die Hälfte des Strombedarfs abdecke, könne keine ernsthafte Lösung sein. „Das ist, als würde man sein Auto nur für die Hinfahrt betanken und den Rückweg weiterhin teuer bezahlen müssen“, so Lücke, der den Vorschlag aus dem Hause Reiche als „katastrophal“ bezeichnet. Er fordert daher entschlossenes Handeln: „Was muss denn noch geschehen, damit die Politik begreift, dass wir eine echte Entlastung brauchen? Fünf Cent müssen fünf Cent sein – und dürfen nicht durch die Hintertür wieder einkassiert werden!“
Hintergrund:
Jeden Tag verschwindet ein Stück industrielles Deutschland – es sind rund 10.000 Industriearbeitsplätze pro Monat. Ein Werk schließt, Beschäftigte erhalten Aufhebungsverträge, eine Produktion wandert nach Osteuropa. Offiziell heißt das „Effizienzsteigerung“. In Wahrheit ist es ein Abbauprogramm mit Ansage. Während in den Chefetagen über Optimierung geredet wird, verlieren Menschen in den Werkshallen ihre Existenz. Und die Politik? Diskutiert zu lange, vertagt zu häufig, zaudert zu oft.
Die IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt zieht die Reißleine. Unter dem Motto „Advent, Advent – unsere Zukunft brennt!“ startet sie eine landesweite Kampagne gegen Stellenabbau, Sozialabbau und Standortschwächung. „Was wir gerade erleben, ist kein Strukturwandel – es ist ein Strukturbruch,“ warnt Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Wir erleben nicht Wandel, sondern Rückzug. Werke werden verlagert, Belegschaften zerschlagen, ganze Regionen aufgegeben. Das nehmen wir nicht hin. Kanzler Merz sprach vom Herbst der Reformen – dieser darf nicht zum Winter der Entlassungen werden. Wer Industriearbeit vernichtet, vernichtet Zukunft.“